^Zum Seitenanfang

"Auf ein Wort" aus dem Kirchenboten Juni / Juli 2019

Liebe Fischbacher!

Der Zustrom von Flüchtlingen aus den ärmsten Ländern der Welt hat etwas nachgelassen, aber er reißt nicht ab. Die Gründe, warum sie zu uns kommen sind sehr verschieden. Überall wird darüber diskutiert, ob und wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen sollen und können.

Für die Flüchtlinge aus Syrien haben wir meistens noch Verständnis. Wir haben ja im Fernsehen gesehen, wie die Menschen verfolgt und niedergemetzelt werden. Da ist die Hilfsbereitschaft der Menschen groß. Das sind ja ganz normale Menschen wie du und ich, denen Unrecht geschieht.

Wofür bei uns sehr wenig Verständnis herrscht sind die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge. Sie sehen in ihrem Land keine Zukunft mehr. Manche sind am Verhungern, andere sind gut ausgebildet und bekommen keine Arbeit. Andere gehören zu Volksgruppen, die in ihren Ländern verachtet und benachteiligt werden. Die heißen bei uns Wirtschaftsflüchtlinge und sollen nicht zu uns kommen. Und dann gibt es noch die organisierten Bettlerbanden ...

Ich verstehe die Ängste vieler Menschen, stelle aber einfach ein paar Fragen, vor allem an mich selber. Wenn ich unter solchen Bedingungen leben würde, wie z.B. ein Mann aus Äthiopien, der seine Familie nicht ernähren kann, würde ich nicht auch das Land verlassen und mich dahin durchkämpfen, wo es etwas zu essen gibt? Ja wäre es nicht geradezu meine Pflicht als Vater, für meine Familie zu sorgen, dass sie nicht verhungert? Was ist daran verwerflich? Ich renne doch schon in die Schule, wenn meine begabte Tochter beim letzten Deutschaufsatz nicht richtig gewürdigt wurde. Muss ich das als Äthiopier hinnehmen, dass meine Kinder, meine Frau und ich verhungern, keine medizinische Versorgung bekommen?

Kann ich etwas dafür, dass ich im falschen Land geboren wurde, dass meine Eltern nicht Gerd und Anette, sondern Yosi und Rahila heißen? Ist es in Ordnung, dass der deutsche Familienhund aus einem Edelnapf frisst, natürlich das Beste vom Besten? Und wir natürlich seine Krebsoperation bezahlen, er ist ja schon elf Jahre bei uns und wir lieben ihn so sehr. Ist ein Hund in Deutschland mehr wert als ein Kind im Sudan? …

Besonders berührt hat mich der Brand von Notre Dame. Ich war geschockt, wie die Flammen dieses wunderbare Bauwerk zerstören. Und dann haben die Menschen riesige Beträge gespendet oder in Aussicht gestellt, um dieses Bauwerk wiederherzustellen. Wunderbar. Nur frage ich mich, warum solche Beträge für Steine gegeben werden, während Menschen verhungern. Ich weiß, dass man das nicht einfach gegeneinander ausspielen darf. Aber was denkt sich da ein Sudanese, dessen Brunnen vertrocknet, weil das Klima sich ändert? Was ist ein menschliches Leben wert im Verhältnis zu Steinen?

Ich habe keine einfachen Antworten auf dieses Problem. Ich habe nur gelernt, eine Situation auch von einer anderen Position aus zu betrachten. Das können wir nur bedingt. Es lohnt sich aber in diesem Fall, mit den Menschen zu sprechen, die zu uns kommen, sich ein Bild zu machen von dem, was sie bewegt und beschäftigt, und als Christen sie mit den Augen Jesu anzuschauen. Dann wird es uns schwer fallen, von ihnen einfach nur als von „Wirtschaftsflüchtlingen“ zu sprechen. Es kommen gewaltige Probleme auf uns zu, je weiter die Schere von Arm und Reich auf der Welt, aber auch bei uns in Deutschland auseinandergeht. Da sind wir alle gefragt, weise zu bedenken, wie, wann und wem wir helfen.

Und während ich hier schreibe, klingelt eine Familie aus Rumänien an meiner Türe und bittet um Essen oder Geld ...

Herzliche Grüße, Ihr

Johannes Häselbarth