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"Auf ein Wort" aus dem Kirchenboten Oktober / November 2020

Liebe Fischbacher und Birnthoner!

Vor ein paar Jahren habe ich auf der griechischen Insel Thassos am Wegrand die Bienenstöcke aufgereiht gesehen – ein wunderbares Fotomotiv. Jeder Bienenstock hat eine andere Farbe, wahrscheinlich damit die Bienen nicht in den falschen Stock fliegen. Jede Biene weiß, wo sie hingehört, was in diesem Bienenstock ihre Aufgabe ist. Die Bienen haben ihre eigene Sprache, geben mit besonderen Tänzen die Infos weiter, wo die Blüten mit dem besten Honig zu finden sind. Sie müssen nicht darüber nachdenken, ob es nicht in einem anderen Bienenstock bequemer ist oder dort mehr Nahrung zur Verfügung steht. Sie zweifeln nicht an ihrer Bestimmung, sondern machen ihre Arbeit und opfern sich, wenn es sein muss für ihren Schwarm.

Zurzeit habe ich das Gefühl, dass viele von uns hier in Deutschland nicht wissen, wo sie hingehören, wo ihr Bienenstock ist. Vielen von uns fehlt in vielerlei Hinsicht unsere Heimat, unser Bienenstock mit seiner besonderen Farbe und seinem besonderen Geruch.

Wir wissen nicht, wo wir hingehören, alles ist in Bewegung. Wir wohnen in Fischbach und arbeiten in Augsburg. Wir arbeiten mit Menschen zusammen, die wir vielleicht höchstens am Bildschirm sehen. Uns umgeben elektromagnetische Wellen, chemische Substanzen, Viren und dunkle Mächte, die wir nicht sehen, vor denen wir meinen uns schützen zu müssen oder deren Existenz wir leugnen. Wir informieren uns, wissen aber nicht, ob wir dem trauen können, was uns gesagt wird. Was heute beschlossen wird gilt morgen nicht mehr.

Ich denke heute so, und dann rede ich mit jemandem und bin mir nicht mehr sicher. Die Nürnberger Bratwurst kann ich auch im Lidl in Thessaloniki kaufen, wo sie gar nicht hingehört. Ich muss immer flexibel und in Bewegung sein, muss mich anpassen. Wenn ich eine Servicenummer anrufe lande ich, ohne dass ich es merke in Indien. Eine Frauenstimme hört immer auf mich und organisiert mein Leben, weiß aber dadurch alles über mich und kann mich beeinflussen, ohne dass ich es merke. Ich kaufe im Internet in einem Laden ein, den es vielleicht überhaupt nicht gibt. Die Natur, die früher doch so zuverlässig war, selbst die verändert sich, Tiere, die gar nicht hierhergehören tauchen plötzlich auf, andere verschwinden ganz leise.

Es ist gut, dass sich unser Blick weitet. Früher hatte der einen Umkreis von vielleicht 50 km, heute kann ich live an einem Gottesdienst in Kamerun teilnehmen, wenn ich will. Unendliche Möglichkeiten tun sich durch die Globalisierung auf. Wunderbar.

Aber wo ist mein Bienenstock? Wo bin ich umgeben von Menschen, die mich verstehen, auf die ich mich verlassen kann, echte, leibhaftige Freunde? Wo gehöre ich hin, wo komme ich nach Hause? Wo setze ich meine Kraft ein, verbringe ich meine freie Zeit? Wo ist mein Bienenstock, meine Heimat? Ich habe den Eindruck, dass diese Frage im Moment bewusst oder unbewusst sehr viele Menschen bewegt.

Auch die Kirche muss sich dieser Frage stellen. Wie kann sie Heimat sein für die unruhigen Herzen? Wie kann sie, wie können wir in Fischbach dafür sorgen, dass die Menschen zu uns finden und sich bei uns wohlfühlen? Wie müssen wir unsere Gottesdienste gestalten, dass möglichst alle darin vorkommen und sich zu Hause fühlen, keiner ausgeschlossen wird durch eine exklusive Sprache, weltfremde Lieder oder unverständliche Rituale. Da müssen wir alle zusammenhelfen, die wir uns für unseren Bienenstock hier in Fischbach verantwortlich fühlen. Unser Kirchenvorstand macht sich darüber Gedanken. Wir müssen auf einander zugehen, uns für einander interessieren, auf einander schauen, dass niemand verloren geht, miteinander reden. Besonders natürlich in dieser Zeit, wo Gemeinschaft so schwierig ist, wo wir auf so viel achten müssen, wenn wir zusammen kommen.

Gott lädt uns ein, bei ihm zu Hause zu sein. Er kennt uns in unseren wirren Gedanken, er weiß, warum wir so sind wie wir sind, er versteht unsere Ängste, unsere Sehnsucht nach Anerkennung und Sicherheit. Durch den Prophet Jesaja spricht er: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Wir sind also seine Kinder. Er will uns Halt geben, wenn um uns herum alles in Bewegung gerät, wenn wir nicht weiter wissen, vielleicht das Wasser bis zum Hals steigt. Er will unser Bienenstock sein, bei dem wir Ruhe finden für unsere Seelen.

Gemeinsam dürfen wir uns auf die Suche machen nach unserem Bienenstock. Gottes Arme sind ausgebreitet. Und unser Haus der Begegnung wird hoffentlich auch bald wieder offen stehen.

Herzlicher Gruß,
Johannes Häselbarth,

Pfarrer