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"Auf ein Wort" aus dem Kirchenboten Februar / März 2020

Liebe Gemeinde,

Das Titelbild dieser Kirchenboten-Ausgabe ist das UNICEF-Foto des Jahres 2019. Es hat mich sehr berührt, deswegen will ich es Ihnen vorstellen. Es stammt von dem deutschen Fotografen Hartmut Schwarzbach, entstanden bei einem seiner Besuche in den Slums von Manila. Von einem Boot aus machte er das eindrucksvolle Bild der 13-jäh-rigen Wenie. Sie sammelt jeden Tag Plastikmüll im Stadtteil Tondo am Hafen von Manila, um diesen anschließend bei einem Müll-Recycler für wenig Geld zu verkaufen. Auch wenn Kinderarbeit verboten ist, bleibt vielen Mädchen und Jungen in dem Slum keine andere Wahl. Schon Siebenjährige paddeln auf Bambusflößen oder Kühlschranktüren durch das Hafenbecken. Sie riskieren ihre Gesundheit und oft auch ihr Leben, wenn sie in dem keimverseuchten Wasser nach Wertstoffen suchen, um ihre Existenz zu sichern.

Im Stadtteil Tondo am Hafen von Manila leben 70.000 Einwohner pro Quadratkilometer - viele in den sogenannten Todeszonen am Meer. Der größte Slum der Philippinen ist ein Gebiet, in dem weltweit die meisten Menschen auf einem Fleck leben. Die Enge in den Wellblechsiedlungen ist unbeschreiblich: Es dringt kaum Tageslicht in die Gassen. Kein guter Platz für eine glückliche Kindheit. Viele Mütter wissen nicht, wie sie ihre Kinder durchkriegen sollen. Sie leben oftmals direkt am Meer in einer sogenannten „Danger Zone“ in Wellblechhütten aus Restholz – ohne Strom, fließendem Wasser oder Toiletten. Vor oder nach der Schule schwimmen sie hinaus, wenn Tide und Strömung es zulassen, und sammeln Plastik. Wenie war zum Zeitpunkt der Aufnahme 13 Jahre alt. Ihre Eltern haben sich vor ein paar Jahren getrennt, deshalb wohnte sie im Slum. Vor kurzem hat Wenies Mutter allen Mut für einen Neuanfang zusammengenommen und ist mit ihrer Familie nach Bataan – fünf Autostunden westlich von Manila – gezogen. Hartmut Schwarzach unterstützt heute die Familie.

Das Bild erzählt vom mutigen Überlebenskampf von Kindern angesichts gleich dreier Tragödien unserer Zeit: Armut, Umweltverschmutzung und Kinderarbeit. „Das UNICEF-Foto des Jahres erzeugt Nähe; Nähe zu Kindern, die sonst kaum jemand sieht. Es zeigt ihre Not – aber auch ihre Stärke, selbst unter den trostlosesten Bedingungen nicht aufzugeben“, erklärte Elke Büdenbender, Schirmherrin von UNICEF Deutschland, bei der Preisverleihung in Berlin. „Unsere Botschaft lautet: Kinder sind das Wertvollste, das wir haben. Wir alle tragen Verantwortung für ihr Leben und ihre Zukunft.“

„Wer ist mein Nächster?“ wird Jesus einmal gefragt. Da erzählt er die Geschichte vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10,29-36). Anders als die, die am Verletzten einfach vorübergehen erbarmt sich der Samariter und hilft. Jesus sagt mir damit: Ich bin nicht für das ganze Leid dieser Welt verantwortlich, aber für den, der mir begegnet. Für den Fotografen war es anscheinend die Wenie aus Manila.

Ich lade Sie ein, im neuen Jahr wie Hartmut Schwarzbach die Augen aufzumachen für das Leid, das ihnen begegnet. Das kann ein Mensch sein, der Ihre Hilfe braucht, hier bei uns oder in den Slums von Manila. Das kann eine Organisation sein, die für Sie glaubwürdig ist und hilft. Sie können spenden, sich interessieren, informieren und damit Notleidenden eine Stimme und ein Gesicht geben. Wir dürfen als Christen nicht resignieren vor dem ganzen Leid, das zu uns durch die Nachrichten kommt. „Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte", heißt es in einem der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums, dem Talmud. Auch der barmherzige Samariter hat einem Menschen geholfen.

Es grüßt Sie Ihr
Johannes Häselbarth