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"Auf ein Wort" aus dem Kirchenboten August / September 2020

Liebe Gemeindeglieder in Fischbach und Birnthon!

Es gibt bei uns nur sehr wenig Grenzen, die verbinden, die Menschen zusammenbringen. Tag für Tag begegne ich in unseren Städten vielen tausenden von Menschen. Nein, ich begegne ihnen nicht! Sie laufen vor oder hinter mir auf dem Weg zur Arbeit, warten mit mir in der langen Autoschlange an der Ampel, stehen neben mir im Fußballstadion. Viele tausende, die aneinander vorbeigehen, ohne sich zu kennen oder kennenzulernen, ohne sich zu grüßen oder oft überhaupt zu bemerken.

Und doch, wem begegne ich wirklich? Viele begegnen den ganzen Tag überhaupt keinem Menschen: trotz der Massen in der Straßenbahn, auf Rolltreppen, im Aufzug, an den Schreibtischen in Großraumbüros. Es fehlt die „Grenze“, die tatsächliche Begegnung erst möglich macht. Ja, es gibt sie wirklich, die „Grenze", die verbindet! Sie liegt in etwa 1500 Meter Höhe.

Wo immer wir in die Berge steigen, bleibt die Masse zurück. Menschen begegnen sich als Menschen. Man achtet auf einander, fragt vielleicht nach dem Weg oder wie weit es noch ist. Auf einer Wanderung in den Bergen ist es unmöglich, an einem Menschen vorbeizugehen, ohne ihn oder sie zu grüßen. Und ist die Grußgrenze erst einmal überschritten, ist das Gespräch für wildfremde Menschen wieder eine Selbstverständlichkeit. Da sprechen auf einmal Menschen miteinander, die sich in der Masse noch nicht einmal sehen würden.

Im Moment ist es besonders erschreckend: Seit kaum zwei Monaten müssen wir eine Maske in den Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln tragen – und wir schauen uns schon gar nicht mehr an, sind vielleicht erleichtert, dass wir uns nicht anschauen müssen. Die meisten Leute schauen vor sich hin, versuchen gar nicht erst, jemanden zu erkennen, geschweige denn zu grüßen. Von meinem Büro aus sehe ich die Haltestelle Hutbergstraße. Schon vor Corona standen die Leute da am Morgen und warten auf den Bus – in 2 Meter Abstand in einer langen Schlange! Gut, wenn ich ein Smartphone habe, auf das ich starren kann. Nicht, dass ich jemanden anschauen muss. Manche meinen inzwischen, man sollte die Gelegenheit nutzen und auch nach Corona das Händeschütteln endlich ablegen.

Ich habe mir oft überlegt, was eigentlich das Besondere an unserem Herrn Jesus Christus als Mensch war. Was hat den Leuten zu seiner Zeit an ihm imponiert, warum sind sie ihm hinterhergelaufen, warum haben sie sich ihm anvertraut? Und dann bin ich auf die Geschichte von der „Heilung der blutflüssigen Frau“ (Markusevangelium Kap. 5, Verse 25-34) gestoßen. Jesus schiebt sich durch eine große Menschenmenge. Und doch spürt er, wie eine kranke Frau ihn von hinten berührt. Sie will geheilt werden und vertraut ihm. Jesus begegnet einer Frau mitten im Gewühl. Das war das Besondere an unserem Herrn. Er hat die „Grenze der Begegnung“ herunter verlegt, dahin, wo die Menschen leben und arbeiten. Er hat die Not dieser ihm unbekannten Frau gespürt, obwohl so viele Menschen um ihn waren.

Und wir, die wir uns nach diesem Mann benennen, wir Christen? Könnte es nicht  ein besonderes Merkmal unseres Glaubens sein, dass auch wir diese Gruß- und „Begegnungsgrenze“ einige hundert Meter nach unten verlegen? Ich möchte Ihnen und mir wieder Mut machen, die Grenze zu überschreiten, die „Grenze der Begegnung“. Lasst uns wieder mit den Menschen um uns herum über Wesentliches und Banales reden. Wir könnten uns blamieren. Na und? Wir sind eine Gemeinschaft, wir brauchen einander. Besonders wir Christen dürfen es vorleben: Einander anschauen, ein paar Worte wechseln, von einander wissen oder einfach „Gmorgen“ sagen und dabei lächeln. Damit folgen wir unserem Herrn Jesus Christus.

Alles Gute wünscht Ihnen Ihr

Johannes Häselbarth,
Pfarrer