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KV-Wahl 2018

KVWahl2018

Predigt zum 2. Weihnachtstag 2014 (Auferstehungskirche Fischbach)

Lukas 2, 15-20 

Liebe Gemeinde,

haben Sie sich schon unsere Krippe hier vorne angeschaut?
Seit dem 1. Advent steht sie hier. Aber natürlich schaut es da am 1. Advent noch nicht so aus wie an Weihnachten. Erst nach und nach kommen alle Personen dazu, nach und nach wird sie aufgebaut, bis dann an Weihnachten der Verkündingungsengel in Position gebracht ist und alle, die zu Weihnachten dazu gehören, an ihrem Platz sind, allen voran das Jesuskind in der Krippe mit Maria und Josef.

Schon von Anfang an aber sind bei unserer Krippe die Hirten da, sicher an einer anderer Stelle als heute, aber sie sind schon da:

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden. Die hüteten des Nachts ihre Herde, heißt es im Evangelium.

Ganz unterschiedliche Hirten sind in unserer Krippe und ich stelle mir vor, jeder hat seine Geschichte, die ihn geprägt hat, die ihn zu dem hat werden lassen, wie er ist – wie es halt bei uns Menschen so ist. Schauen wir mal, vielleicht entdecken wir bei den Hirten manches, was wir auch von uns kennen.

Da ist ein Hirte, der liegt da, ruht sich aus. Wie alt er ist, ist schwer zu sagen; er ist nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Er hat die Hand in den Kopf gestützt, geht seinen Gedanken nach. Ob der gleich so begeistert war, als die Engel aufgetaucht sind? Ob ihn die Botschaft

euch ist heute der Heiland geboren“

gleich so berüht hat? Vielleicht hätte er lieber weiter seine Ruhe gehabt. Schließlich muss er hart arbeiten: wenn er mal Pause hat, dann will er nicht so gern gestört werden.

Einen jungen Hirten haben wir auch, der ein Schaf auf den Schultern hat. Der schaut ganz froh gemut und wirkt so, als ob er noch leicht zu begeistern ist. Er ist noch neugierig aufs Leben, neugierig, was es für ihn bereithält. Vielleicht denkt er sich, als die Engel auftauchen: Endlich ist hier mal was los. Der Junge ist ganz offen für die frohe Botschaft.

Als nächstes schauen wir zu einem Hirten, der schon alt ist. Er stützt sich auf den Hirtenstab, den braucht er, denn Stehen ist anstrengend. Wie er so dasteht, wirkt er sehr nachdenklich. Den alten Hirten kann so schnell nichts mehr überraschen. Der kennt das Leben, das ihm öfter übel mitgespielt hat. Sonst wäre er in seinem Alter nicht mehr nachts draußen auf dem Felde, sondern im Warmen. Viel erwartet er nicht mehr vom Leben.

Unser vierter Hirte ist mitten in der Arbeit; er ist ganz geschäftig, schert ein Schaf. Ob er das gern macht, ob es ihm Freude macht, Hirte zu sein, das wissen wir nicht. Aber er ist mittendrin im Leben, sehr beschäftigt und man hat das Gefühl, dass er seinen Posten hier nicht so ohne weiteres aufgeben kann und vielleicht auch nicht will.

Und unser fünfter Hirte hat ein Schofar. Ein Schofar ist aus einem Widderhorn und da kann man reinblasen. In der jüd. Religion wurde es für rituelle Zwecke gebraucht. Ich vermute, dass der Hirte durch sein Blasen wilde Tiere vertrieben hat, dass er mit seinem Blasen die anderen, falls es notwendig war, aufgeweckt, vor Gefahr gewarnt hat.
Dieser Hirte schaut suchend in den Himmel und vielleicht war er kurz davor, zur Warnung ins Shofar zu blasen, als er den Engel gesehen hat und noch nichts rechtes mit ihm anzufangen wusste.

Auf jeden Fall hat der Engel erst mal allen einen gehörigen Schreck versetzt.

Sie fürchteten sich sehr ...

Diesen Hirten, dem müden, dem jungen, dem alten, dem geschäftigen, dem suchenden, allen diesen Hirten, wird von dem Engel die Frohe Botschaft gebracht:

euch ist heute der Heiland geboren.

Über die Jahrhunderte, über die Jahrtausende hinweg wurde sie den Menschen verkündet bis zu uns heute, ob wir müde sind, vielleicht resigniert,
ob wir alt sind und vom Leben nicht mehr viel erwarten,
ob wir jung sind, neugierig aufs Leben und uns auf das freuen, was kommt,
ob wir geschäftig sind und eigentlich viel zu viel zu tun haben und am Rande unserer Kräfte sind und vielleicht meinen, dass wir für so was gar keine Zeit zu haben oder
ob wir Ausschau halten und nach einem Sinn für unser Leben suchen, nach einem Halt.
Uns allen gilt:

euch ist heute der Heiland geboren. -

Wenn wir uns eine Krippe anschauen, dann wirkt das alles so friedlich und ruhig, fast ein wenig statisch, aber in der Weihnachtsgeschichte, da geht es zu, da ist Bewegung drin. Die Engel tauchen auf, fahren dann wieder gen Himmel.

Die Hirten bringt ihre Botschaft in Bewegung, dass sie alles liegen und stehen lassen.

Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die geschehen ist, die uns der Herr kund gemacht hat.

Wir erfahren nicht, ob es da vorher eine Diskussionen unter den Hirten gegeben hat: sollen wir gehen oder lieber nicht?

Es könnte sein, dass sie sich erst nicht einig war, so unterschiedlich wie sie sind.
Wenn sie diskutiert haben, dann nicht lange, denn es heißt:

sie kamen eilend

Gut kann ich mir auf jeden Fall vorstellen, dass es bei uns heute eine Diskussion geben würde. Eine Diskussion, die sich auch in unserem Inneren abspielen kann, wo verschiedene Stimmen miteinander ringen. So einfach ist das für uns nicht immer zu glauben, darauf zu vertrauen:

euch ist heute der Heiland geboren

und sich dann auch auf den Weg zu machen, um dem auf den Grund zum gehen, was es mit Gott, mit Jesus, mit dem Kind in der Krippe auf sich hat.

Folgende Beiträge könnte ich mir aus einer Diskussion unter den Hirten vorstellen:

Einer sagt:
Ihr spinnt. Das kann nicht sein. Engel am Himmel, die singen und zu uns, ausgerechnet zu uns Hirten, sagen:

 Euch ist heute der Heiland geboren,

nein, das kann wirklich nicht sein. Das war sicher eine Fata Morgana.

Wir kennen das ja auch gut – man kann das fast schon den fränkischen Vorbehalt nennen:
Das gab es noch nie; das kann nicht sein. Da könnte ja jeder kommen.Wo kämen wir denn da hin, wenn wir jedem Engel einfach so glauben wollten.

Was wir modernene Menschen nicht kennen, war wir nicht in unser Weltbild einordnen können, das kann für uns nicht sein. Schade! Wir
nehmen uns hier manche Überraschungen.

Ein ganz mißtrauischer Hirte, vielleicht der, der das Schaf schert, hat vielleicht noch gemeint:
Da will uns jemand vielleicht von unserer Herde weglocken. Und wenn wir dann alle weg sind, die Schafe stehlen. Nein, ich bleibe lieber hier. Ich lass mich doch nicht zum Narren machen.

Außerdem muss ich mit meiner Arbeit fertig werden. Die Wolle bringt uns schließlich Geld und wir können es uns nicht leisten, dass wir uns das Geschäft entgehen lassen.

Gerade dieses Statement könnte wirklich gut aus unserer Zeit sein.
Wissen Sie, Frau Pfarrer, ich hab so viel Arbeit. Ich habe gar keine Zeit für die Kirche.
Nun ist natürlich Kirche und Glaube nicht identisch. Aber ich hab gelegentlich schon meine Zweifel, wie ein Glaube, wie Vertrauen gepflegt und genährt werden kann, wenn ein Mensch so gar keine Zeit zu haben scheint bzw. halt entsprechende Prioritäten setzt.

Zurück zu unseren Hirten. Da ist ja auch noch der, der suchend in den Himmel schaut. Der denkt sich: „Na, wir können uns das ganze ja mal anschauen.“

Der junge Hirte, der Feuer und Flamme ist, der will sofort losstürmen und vergisst vor lauter Eifer vielleicht, dass es ja auch noch Hirten gibt, die alt sind, die vielleicht nicht ganz so schnell gehen können, die noch zaudern, die erst einmal aufstehen und in die Gänge kommen müssen.

Während die einen ermuntert, ein wenig angetrieben werden müssen, muss der junge eher gebremst werden.

Lasst uns gehen“,

so sagen sie.

Ob wir das auch sagen würden?
Wir sind heutzutage alles eher Individualisten, die sich allein auf den Weg machen oder auch allein zurückbleiben würden.
Aber nicht einzelnen, sondern den Hirten insgesamt wurde die frohe Botschaft gebracht. Die Hirten gehen miteinander und kommen eilend zu dem Kind und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Die Botschaft des Engels bringt sie, so unterschiedlich sie sind, erst einmal äußerlich in Bewegung.
Tja, und wie ist das mit uns?

Rein äußerlich hat Sie die frohe Botschaft heute Morgen auch in Bewegung gebracht. Sie sind hier, um zu hören und zu sehen.

Die Hirten

fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

und dann

Als sie es aber gesehen hatten,

mehr steht da nicht. Aber da muss etwas geschehen sein; das Kind rührt sie an und bringt sie auch innerlich in Bewegung.

Bei dem Jungen mag einen das zunächst gar nicht so verwundern. Aber bei dem, der so notwendig hat, bei dem Alten, der nichts mehr vom Leben erwartet, bei dem Mißtrauischen, der denkt, er soll übers Ohr gehauen werden, schon eher.

Sie alle merken, dieses kleine Kind hat mit ihnen, mit ihrem oft so armseligen Leben zu tun. Mit einem kleinen verletzlichen Kind öffnet Gott ihre Herzen und weckt ihr Vertrauen, dass sie verstehen:

Es ist der Herr Christ unser Gott, der will uns führn aus aller Not, er bringt uns alle Seligkeit , so im Lied „Vom Himmel hoch…“

Das erfahren, spüren die Hirten und dann gibt es kein Halten mehr.

Und darum breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

Und nun kommen wir wieder ins Spiel. Bis zu uns wird die frohe Botschaft weiter gesagt, bis zu uns heute und es ist die Frage an uns, ob wir eher gelangweilt denken „Das kennen wir doch alles schon“ und Weihnachten für uns halt ein religiöser Brauch ist

oder ob wir uns heute auch noch darüber wundern und merken, dass dieses Kind mit unserem oft so armseligen Leben zu tun hat, mit uns, die wir manchmal mißtrauisch sind, manchmal resignieren und nichts mehr vom Leben erwarten, manchmal einfach nur müde sind, manchmal auch so geschäftig sind, dass wir uns fast „derhutzn“, wie man in Franken sagt, und denken, für den Glauben, für Gott haben wir jetzt doch keine Zeit.

Merken wir, dass uns heute der Heiland geboren ist, der auch uns aus aller Not führen will und uns alle Seligkeit bringt …

Schauen wir noch einmal zu den Hirten. Eine Weile bleiben sie bei der Krippe, bei dem Kind, freuen sich daran, aber dann kehren sie wieder zurück zu ihren Schafen – die brauchen sie ja und müssen versorgt werden.

Und die Hirten kehrten wieder um

Sie gehen zurück in ihren Alltag, zu ihrer Arbeit, die sich sicher manchmal anstrengen wird, wie vorher, die ihnen vielleicht manchmal nicht gefällt, wie vorher, die sie vielleicht manchmal resignieren lässt, wie vorher. Aber doch hat sich etwas geändert:

Auch im Alltag, auch bei der Arbeit gilt:
dieses Kind begleitet sie, es ist da, teilt ihr Leben, auch dann wenn keine himmlischen Heerscharen mehr da sind.

Lieder bringen wunderbar auf den Punkt, wozu man oft viele Sätze braucht. In einem Lied heißt es:
Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein neuen Schein

Die Welt hat seit Weihnachten einen neuen Schein und der bleibt, auch wenn die Weihnachtszeit, Fest-Zeit vorbei ist und wir – vielleicht schon nächste Woche – in den Alltag zurückkehren, wenn wir nach dem 6. Januar den Christbaum wieder ableeren, wenn wir unsere Krippe – daheim und hier – wieder einpacken und uns der Alltag wieder hat, der uns manchmal nervt, aufreibt, müde, mißtrauisch macht.

Aber das Kind bleibt und der neue Schein auch. Das wollen wir nicht vergessen. Und weil wir leider oft so vergesslich sind, brauchen wir eine Erinnerungsstütze. Vielleicht, wenn Sie die Krippe wieder wegpacken, lassen Sie sich etwas davon, einen Hirten, einen Engel, ein Schaf da, stellen es wohin, wo Sie es das ganze Jahr über sehen und sich immer wieder neu an die Botschaft erinnern lassen:

Euch ist heute der Heiland geboren.

Amen

Pfarrerin Andrea Möller