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"Auf ein Wort" aus dem Kirchenboten April/Mai 2016

Liebe Gemeinde,

in den letzten Kirchenboten haben Menschen ihre Familienbibel vorgestellt. Alte ehrwürdige, oft sehr prächtige Bücher waren das, richtige Schätze, die schon über Generationen hinweg in der Familie sind und in Ehren gehalten werden. Eine Fa-milienbibel habe ich nicht, aber eine andere Bibel, die mich seit 41 Jahren begleitet. Es ist meine Konfirmationsbibel. Ich habe sie zu Beginn meines Konfirman-denunterrichts bekommen, nicht etwa neu, sondern vorher hatten sie schon meine Brüder.

Die Bibel ist hellrot-orange und der Rücken ist im Laufe der Jahre schon mehrmals gebrochen, so dass ich ihn immer wieder mit Isolierband, mal mit grünem, mal mit blauem geklebt habe. Einige Seiten sind lose. Schön ist sie wirklich nicht mehr, diese Bibel. Aber trotzdem bringe ich es nicht übers Herz, sie zu entsorgen, auch wenn ich mittlerweile viele andere Bibeln habe. Das liegt zum einen daran, dass es mir schwer fällt, das Buch der Bücher in den Müll zu werfen. Das liegt aber sicher auch an meiner Geschichte mit dieser Bibel. Es war meine erste Bibel für Erwachsene in der Übersetzung Martin Luthers. Vorher hatte ich meine Kinderbibel von Anne des Vries, die übrigens auch noch in meinem Bücherregal steht. In ihr habe ich gerne die biblischen Geschichten gelesen und die Bilder angeschaut.

Mit meiner Lutherbibel hatte ich das Gefühl, dass ich nun schon einen ganz großen Schritt in Richtung Erwachsenenleben getan hatte. Meine orange Bibel machte es sichtbar, dass ich nun dem Kindesalter entwachsen war. Ich wusste das ja schon, meine Umgebung leider noch nicht immer.

Wenn ich diese Bibel heute in die Hand nehme und aufschlage, dann kommt mir sofort mein Konfirmandenunterricht in den Sinn. Es war die Zeit der geburtenstarken Jahrgänge und wir waren sicher um die 60 Konfirmanden, aufgeteilt in zwei Unterrichtsgruppen. Mir tut heute noch der Pfarrer leid, wenn ich daran denke, was wir für ein aufgeweckter und lebhafter Haufen waren. Willig waren wir schon, aber wir hatten halt Vieles im Kopf und das hatte nicht immer etwas mit der Konfirmation zu tun. Was wir damals über die Bibel lernten, ist gar nicht so viel anders als das, was ich heute den Konfirmanden beibringen möchte. Wir übten, unsere Bibel aufzuschlagen, bekamen einen Überblick, worum es im Alten und Neuen Testament und in den einzelnen Büchern geht, lernten die Biblischen Bücher und es wurde uns das Gefühl vermittelt, dass wir in diesem Buch das Wort Gottes finden. Natürlich haben wir noch nicht erfassen können, was es bedeutet, dass in diesem Buch Gott selber zu uns spricht, uns Mut zum Leben, Hoffnung, Wegweisung geben will, aber es wurde ein Anfang gemacht. Oder vielleicht sage ich besser, es wurde weiter geführt, was bei mir schon mit meiner Kinderbibel begonnen hat. Es wurde in mir ganz selbstverständlich eingepflanzt, dass dieses Buch für meinen Glauben wichtig ist und dass ich von der Bibel etwas erwarten darf, was mich und mein Leben betrifft. Im Laufe meines Lebens wurden diese Erwartungen nicht enttäuscht.

Im Konfirmandenunterricht wurde mir schon vermittelt, dass die Bibel nicht vom Himmel gefallen ist, sondern von Menschen geschrieben wurde, die dem lebendigen Gott begegnet sind. So wurde bei mir das Interesse geweckt, mich mit diesem Buch intensiv und auch kritisch auseinander zu setzen. Sicherlich war meine Konfirmandenzeit auch prägend für meinen Entschluss, Theologie zu studieren.

Wenn mich jemand fragt, wie wichtig mir die Bibel ist, würde ich mit Worten von Jörg Zink antworten:

Es gibt Menschen, die die Bibel nicht brauchen.

Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich habe die Bibel nötig.

Ich brauche sie, um zu verstehen, woher ich komme.

Ich brauche sie, um in dieser Welt einen festen Boden unter den Füßen und einen Halt zu haben.

Ich brauche sie, um zu wissen, dass einer über mir ist und mir etwas zu sagen hat.

Ich brauche sie, weil ich gemerkt habe, dass wir Menschen in den entscheidenden Augenblicken füreinander keinen Trost haben

und dass auch mein eigenes Herz nur dort Trost findet.

Ich brauche sie, um zu wissen, wohin die Reise mit mir gehen soll.

Es ist viel, was ich mit meiner alten orangen Bibel verbinde und was ich ihr verdanke. Schön ist sie nicht mehr, aber sie ist ein Schatz für mich. Und darum kann ich sie nicht weggeben.

Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Andrea Möller