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"Auf ein Wort" aus dem Kirchenboten Juni/Juli 2016

Liebe Gemeinde,

wie stellen Sie sich Gott vor? Sicher gibt es viele Antworten auf diese Frage. Oft wird Gott als alter Mann mit einem weißen Bart be-schrieben, der auf einer Wolke sitzt und vom Himmel auf die Erde herabsieht. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott zu alt und zu weit weg ist, um alles mit zu kriegen und zu verstehen, was hier unten auf Erden passiert. Das hat nicht viel mit dem zu tun, was uns in der Bibel von Gott erzählt wird. Da lesen wir: Gott schaut auf uns Men-schen, lässt sich sehr wohl davon berühren, was auf Erden geschieht. Er ist gnädig und barmherzig, gerecht und treu. Er kann aber auch zornig werden, wenn Menschen gegen seinen Willen verstoßen. Aber nicht nur abstrakt, sondern ganz anschaulich redet die Bibel von Gott.

Anfang Mai haben wir Konfirmation gefeiert. Es war auffallend, dass sich ein Drittel der jungen Leute Konfirmationssprüche ausgesucht hat, die in einem Bild zeigen, wie Gott ist, wer er für uns ist. Dreimal wurde der Vers aus Johannes 8, 12 ausgesucht:

Jesus Christus spricht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Psalm 23, in dem Gott uns als der gute Hirte vorgestellt wird, war ebenso ein Favorit und ein dazu passender Vers aus dem Neuen Testament (Johannes 10, 11), wo Jesus von sich sagt, dass er der gute Hirte ist, war auch mit dabei. Obwohl wir kaum noch Hirten und Schafherden in unserer alltäglichen Welt erleben, kann das Bild vom guten Hirten auch jungen Menschen vermitteln: Gott passt auf die Seinen auf, sorgt für sie, behütet und schützt sie.

Um Schutz geht es auch in einem anderen ausgewählten Konfirmationsspruch: Gott ist ein Schild allen, die ihm vertrauen (2. Samuel 22, 31).

Und schließlich wurde auch dieser Vers ausgesucht, der betont, wie wichtig es ist, mit Jesus in Verbindung zu bleiben:

Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht“ (Johannes 15, 5).

Ganz unterschiedliche Bilder von Gott sind das. Gemeinsam ist ihnen, dass wir Menschen hier direkt oder indirekt vorkommen. Nicht von Gott an sich ist die Rede, sondern davon, wer Gott für uns Menschen ist. Wir Menschen sind recht beschränkte Wesen und brauchen Bilder, um uns den ewigen Gott vorzustellen. Wenn wir darüber im Konfirmandenunterricht sprechen, weisen mich die Konfirmanden immer auf das Gebot hin: Du sollst dir kein Bildnis machen. Dieses Gebot steht in der Bibel, aber die Bibel ist selbst voller Sprachbilder. Wichtig ist, dass wir wissen, dass jedes Bild für sich nur einen winzigen Ausschnitt von Gott zeigt. Gott ist immer mehr als das Bild, das wir von ihm haben. Ich erzähle im Unterricht dann immer die Geschichte „Die Blinden“, die ich in der Fassung von Nikos Kazantzakis kenne:

„Es war einmal ein kleines Dorf in der Wüste. Alle Einwohner dieses Dorfes waren blind. Eines Tages kam dort ein großer König mit seinem Heer vorbei. Er ritt auf einem gewaltigen Elefanten. Die Blinden hatten viel von Elefanten erzählen hören und wurden von einer heftigen Lust befallen, heranzutreten und den Elefanten des Königs berühren zu dürfen und ihn zu untersuchen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was  das für ein Ding sei. … Einer von ihnen packte den Elefanten beim Rüssel, der andere am Fuß, ein dritter an der Seite, einer reckte sich hoch und packte das Ohr, und ein anderer wieder durfte einen Ritt auf dem Rücken des Elefanten tun. Entzückt kehrten alle ins Dorf zurück, und die Blinden umringten sie und fragten eifrig, was denn das ungeheuerliche Tier Elefant für ein Wesen sei. Der erste sagte:

„Er ist ein großer Schlauch, der sich hebt und senkt, und es ist ein Jammer um den, den er zu packen kriegt.“ Der zweite sagte: „Er ist eine mit Haut und Haaren bekleidete Säule.“ Der dritte sagte: „Es ist eine Festungsmauer und hat auch Haut und Haare.“ Der, der ihm am Ohr gepackt hatte, sagte: „Es ist keineswegs eine Mauer, es ist ein dicker, dicker Teppich, der sich bewegt, wenn man ihn anfasst.“ Und der letzte sagte: „Was redet ihr für Unsinn? Es ist ein gewaltiger Berg, der sich bewegt.“

Jeder der Blinden hat für sich genommen Recht und gleichzeitig hat er nur einen Teil vom Elefanten wahrgenommen. Jedes Bild von Gott lässt uns nur einen Teil von Gott erahnen. Gott ist mehr als das Bild, das wir von ihm haben, und er ist auch mehr als alle Bilder zusammen. In unterschiedlichen Lebenssituationen wird uns mal diese, mal jene Vorstellung von Gott mehr ansprechen und im Vertrauen auf ihn stärken.

Letztlich geht es, wenn wir von Gott reden, nicht um irgendwelche philosophischen Spekulationen über Gott, sondern darum, wem wir im Leben und im Sterben vertrauen können.

Es grüßt Sie Ihre Pfarrerin Andrea Möller