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"Auf ein Wort" aus dem Kirchenboten August/September 2017

Eine neue Perspektive durch die Baustelle

Liebe Gemeinde, wo ist das Klohäuschen? Groß war die Aufregung, als das Dixie-Klo für die Handwerker, die an der Kirche beschäftigt sind, verschwunden war. Sehnlichst warteten alle auf Ersatz. Und eines Tages war es da, für alle gut sichtbar, sogar vom Schreibtisch im Pfarramt aus. Das blaue Klohäuschen war dieses Mal nicht etwa dezent hinten am Jugendhaus aufgestellt worden, sondern direkt neben der Kirche. Das hatte etwas Skurriles. „Das passt hier direkt an der Kirche nicht“, waren meine ersten Überlegungen. Wenn Menschen zur Kirche kommen, dann soll ihr Blick nicht unbedingt auf solch irdische Bedürfnisse gerichtet werden, sondern die Gedanken sollen eher „himmelwärts“ gehen.

Je länger ich dieses Ensemble bestehend aus Kirche und Dixie-Klo vor Augen hatte, dachte ich mir: „Irgendwie hat es doch was, was gut zu den Menschen einer Gemeinde und auch zum Dienst einer Pfarrerin passt.“ Auch in der Gemeinde geht es nicht immer nur um Geistliches, nicht nur um das Seelenheil, sondern auch um ganz Irdisches. Da wird überlegt, ob es Wienerle und Weißwürste zum Fest der Kirchenmusik gibt, es wird die Belegung im Haus der Begegnung für einen reibungslosen Ablauf geplant, es werden Organisten für die Gottesdienste gesucht und Austräger für den Kirchenboten. Das alles ist wichtig, damit „allezeit die Ver-sammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente … gereicht werden“, wie es in einer unserer Bekenntnis-schriften, dem Augsburger Bekenntnis, im Artikel 7 zu lesen ist.  Ich möchte nicht scharf unterscheiden und einteilen, so als ob es auf der einen Seite das Irdische, das Organisatorische gibt und auf der anderen Seite das Geistliche, das „Eigentliche“, was den Blick gen Himmel zu Gott richten lässt. Ich glaube, Irdisches und Geistliches lässt sich oft gar nicht so klar voneinander trennen. Bei unserem Klohäuschen an der Kirche kommt Beides sichtbar zusammen. 

Genau so auch beim Dienst einer Pfarrerin fällt beides oft zusammen. Zugegeben: manches habe ich in den vergangenen Jahren oft auch zähneknirschend gemacht. Das Aufstellen eines Haushaltsplanes hat nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, aber es musste halt auch sein. Wichtig ist, dass wir in diesen irdisch anmutenden Aufgaben und Tätigkeiten unser Fundament nicht aus den Augen verlieren und uns immer wieder bewusst machen, dass wir kein Verein sind, der sich die Pflege der Gemeinschaft zur Aufgabe gemacht hat, sondern dass wir die Versammlung der Gläubigen sind.

Irdisches und „Himmlisches“, Geistliches sind oft nicht klar zu trennen. Das gilt ebenso, wenn wir überlegen, wo und wie wir erleben, wenn Gott uns begegnet. Das geschieht nicht nur in der Kirche beim Gottesdienst oder beim stillen Gebet dort, nicht nur in Bibelstunden. Nein, das geschieht in ganz irdischen Situationen, oft, wenn wir gar nicht damit rechnen. Wir Menschen wuseln hier auf Erden, haben unsere Sorgen und Nöte und denken manchmal, der liebe Gott schert sich um all das nicht und wirkt unendlich fern. Aber Gott wurde Mensch wie wir, um uns gerade in unseren alltäglichen Sorgen und Nöten nahe zu sein und uns bei zu stehen.

Und weil Gott unser Wohl so am Herzen liegt, ist es die Aufgabe der Versammlung der Gläubigen – also unsere – das Wohl der Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren und die, die Hilfe brauchen, zu unterstützen. 

Sie sehen: so ein Klohäuschen neben der Kirche kann einen ganz schön ins Nachdenken bringen.

Wenn ich aus dem Pfarramt auf das Gerüst an der Kirche schaue, dann lässt mich das auch an die 13 Jahre (mit der Vertretung 14 Jahre) denken, die ich in Fischbach war. Sehr gerne war ich hier; es war eine gute Zeit. Sehr viel hat die Gemeinde in diesen Jahren gebaut. Manche Sorgen gab es; beim Bau und auch in anderen Bereichen ist nicht immer alles rund gelaufen. Ich habe Fehler gemacht und sicher auch Menschen verletzt, mit dem, was ich getan oder auch unterlassen habe. Das tut mir leid!

Aber Gott sei Dank gab es auch viele schöne Gottesdienste, die wir zusammen gefeiert haben und viele Begegnungen mit Ihnen, liebe Gemeinde. Es waren 205 Taufen, 51 Trauungen, 235 Beerdigungen, die ich gehalten habe, 353 junge Leute habe ich konfirmiert und hinter diesen Zahlen stehen intensive Begegnungen, wie es sie ja auch jenseits der Kasualien gab. Es waren schöne, fröhliche Begegnungen, schmerzliche und traurige. Je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst: Leben ist Begegnung, ein Mensch lebt nur in Beziehung zum anderen. Und auch Glauben ist Begegnung mit Gott. Glaube lebt aus der Beziehung zu Gott.

Für all diese Begegnungen bin ich sehr dankbar. Sehr herzlich danke ich Ihnen für Ihre Offenheit, für all Ihr Vertrauen, das Sie mir entgegengebracht haben, dafür, dass Sie mit mir ein Stück Ihres Lebens geteilt und mir Anteil an Ihrer Freude und an Ihrer Trauer gegeben haben. Sehr herzlich danke ich allen Mitarbeitenden in der Gemeinde, den ehrenamtlichen, den drei verschiedenen Kirchenvorständen für alle Unterstützung und alles Engagement. Und ich danke auch ganz herzlich denen, die nebenamtlich in der Gemeinde beschäftigt sind. Gemeinde lebt davon, dass wir alle unsere Gaben und Fähigkeiten einbringen.

Es beschäftigen mich auch noch andere Zahlen. Es gab in diesen Jahren einige Eintritte und sehr viele Austritte. Als ich in Fischbach begonnen habe, gab es etwa 2300 Gemeindeglieder, jetzt sind es noch etwa 1900. Die Austritte sind mir nicht gleichgültig. Vielleicht bin ich für den einen oder anderen Austritt verantwortlich, bei den meisten ist es wohl so, dass ich sie nicht verhindern konnte. Ich bedauere es, dass wir als Kirchengemeinde es nicht geschafft haben, deutlich zu machen, dass die Kirche kein Verein ist, aus dem man austritt, wenn man ihn nicht mehr braucht, z.B. wenn die Kinder nicht mehr in den Kindergarten gehen und konfirmiert sind. Es kann nicht um eine Kosten-Nutzung-Rechnung gehen. Der Austritt ist ein Abschied aus der Solidargemeinschaft, die ihren Beitrag leistet, dass es Gemeinde vor Ort mit einer Kirche, mit Haupt- und Nebenamtlichen gibt. Die Kirchensteuer, die oft als Grund für den Austritt genannt wird, finanziert Gemeindeleben; der größte Teil der Kirchensteuereinnahmen wird für Personalkosten verwendet. Es wird sicher spannend werden, welchen Weg wir als Kirche in Zukunft gehen werden. Darüber müssen wir uns sicher Gedanken machen. Aber das muss nicht unsere Sorge allein sein. So sagt es uns ein Wort von Martin Luther, das ich schon vor 13 Jahren bei meiner Vorstellung im Kirchenboten zitiert habe:

Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten können. Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. Unsere Nachfahren werden’s auch nicht sein, sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da sagt: „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Ab 1. November werde ich eine Pfarrstelle in Ansbach antreten. Bewusst habe ich mich auf diese Stelle beworben, wo ich in einem Team mit mehreren Kolleginnen und Kollegen tätig bin und keine Pfarramtsführung mehr habe. Freuen würde ich mich, wenn wir uns zum Abschiedsgottesdienst sehen würden!

Verbunden im Vertrauen auf Gott grüße ich Sie mit großer Dankbarkeit Ihre
Pfarrerin Andrea Möller