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"Auf ein Wort" aus dem Kirchenboten September/Oktober 2018

Opfer

Im Moment ist es kaum auszuhalten, die Nachrichten zu hören. So viele schlimme Kriegsschauplätze in Syrien, im Irak, in Israel und Gaza, in Pakistan, Nigeria, in der Ukraine und dem Sudan. Hundert Tausende von Menschen sind auf der Flucht vor Terror und Krieg. Und immer wieder hören wir von Opfern. Mich beschäftigt das im Moment sehr. Wer opfert hier wen? Wer hat etwas davon, dass Menschen sterben und so viel Leid verursacht wird?

Wofür wurden die Opfer des Flugzeugabschusses in der Ukraine geopfert? Dass ein Haufen Kriminelle ihre Macht-ansprüche geltend machen? Das Bild eines Soldaten, der Zigarette rauchend in den Gepäckstücken der Opfer wühlte sagt für mich alles. Es geht, wie so oft bei Kriegen nicht um Gerechtigkeit, Freiheit oder um einen „höheren Wert“, sondern um eigene Macht, Einfluss und  Bodenschätze. Dazu hilft Desinformation, Lüge und religiöse Verwirrung, damit die Bevölkerung das Leid eine zeitlang erträgt und meint, dass die Opfer einen Sinn haben - natürlich ihre Opfer!

Kann man Menschenleben gegenrechnen mit einem höheren Ziel für das sich die Opfer lohnen? Ist ein Leben genauso viel wert wie ein anderes? Mich erschüttert immer wieder, wenn es bei einem Unglück oder Anschlag heißt: „Unter den Opfern waren auch Frauen und Kinder.“ Ist ein Männerleben oder Soldatenleben weniger wert? Oder sind Männer dazu da, sich zu opfern? Unsere Sprache ist verräterisch.

Ich habe mir vorgenommen, genau hinzuhören, wenn mal wieder von Opfern die Rede ist. Von Verkehrsopfern zum Beispiel, jeden Tag auf unseren Straßen. Ist ein Todesopfer es wert, dass man bei uns so schnell fahren kann wie man will?

Ich will nicht, dass jemand für mich sterben muss, weil ich zu viel Alkohol getrunken habe und trotzdem fahre. Ich will nicht, dass Menschen an den Küsten Italiens ertrinken müssen, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft mehr haben. Ich will nicht, dass Blut an den Waren klebt, die ich billig kaufen kann. Niemand soll sich für mich opfern müssen.

Ihr Johannes Häselbarth

„Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.“


Aischylos (525-456), griech. Dichter