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KV-Wahl 2018

KVWahl2018

Predigt April 2008

Predigt am Sonntag Kantate, 20.4.2008 um 9.30 Uhr in Fischbach
60-jähriges Jubiläum des Posaunenchors - Jesaja 12,1-6

Liebe Geburtstag feiernde Bläserinnen und Bläser, liebe Fischbacher Gemeinde, liebe Gäste, 

es gibt viele Wege zu Gott. Manche sind festlich und beschwingt wie heute, andere anstrengend wie zeitweise für die Konfirmandinnen und Konfirmanden. Unser christlicher Glaube verlangt dem Verstand einiges ab. Man muss sich ganz schön Gedanken machen, um diesen Gott verstehen, der ein Mensch sein wollte. Mit allen Höhen und Tiefen. Einem Leben voller Gegensätze: rauschender Feste auf der einen Seite und Mitleiden am Elend kranker und ausgegrenzter Menschen auf der anderen Seite. Dann dem qualvollen Sterben, das in die Auferstehung mündet.
Unser christlicher Glaube lehnt sich zweitens an unsere Biographie an. Was wir selbst erleben, bringt uns auch Gott besonders nah. Weihnachten ist anders für jemanden, der gerade selbst ein Kind bekommen hat. Karfreitag und Ostern erlebt hautnah, wer selbst einen geliebten Mensch verloren hat. Und verliebt sein in Gott an Pfingsten kann sich leichter vorstellen, wer gerade in einen Menschen verliebt ist.
Schließlich nutzt unser Glaube die Sinne. Essen und trinken beim Abendmahl, der Duft von Blumen und Kerzen im Gottesdienst, und ganz besonders die Musik. Die zweitbeste Gottesgabe sei sie, sagt Martin Luther, nach seinem Wort. Sie wirkt direkt auf unsere Sinne und transportiert ihren Inhalt ohne Umweg in unser Herz hinein. Und dann geschieht, was Sie sich zum Ziel Ihres Posaunenblasens gesetzt haben: Verkündigung. „Soli deo gloria“ musizieren Sie, allein zur Ehre Gottes. Denn sie findet statt, wenn Menschen glücklich gemacht werden. Dass dies der Fall ist, hat Herr Hans Buchner in einem Interview anlässlich seines 50. Chorjubiläums im vergangenen Jahr gesagt: „Die Musik gleicht die Seele aus.
Vielleicht kennen einige von Ihnen den Film "Vaya con dios". Er ist eine Hommage an die Musik als Verkündigung und als Lebensbewältigungshilfe. Drei Mönche singen sich in die Herzen derer, die sie hören, egal wo sie sich gerade befinden. In der Kirche genauso wie in einem Steinbruch oder zwischen zwei Bahngleisen, auf denen Züge an ihnen vorbei donnern und sie fast überfahren. Sie singen Gott auch in ihr eigenes Schicksal hinein und lassen ihn darin wirken. Als Zuschauer/in wird man unweigerlich in ihr Gotteslob hinein gezogen. Man stimmt innerlich ein. Man freut sich mit ihnen über ihre Errettung vom Tod und glaubt an die eigene Rettung. Denn eins erscheint sicher: diese Lieder erreichen neben unseren eigenen Herzen auch Gottes Herz.
Solange Menschen solche Lieder singen, haben sie die Kraft des Lebens in sich. Sie bejubeln ihre Festtage und danken für die Bewahrung und Führung durch viele Jahre hindurch. Gibt die Gegenwart Anlass zur Klage, so wird die Traurigkeit in entsprechende Töne umgesetzt, die manchmal gegen Ende in hoffnungsfrohe übergehen. Gott wendet das Blatt. Der Blick in die Zukunft öffnet sich und weckt Hoffnung auf einen Neuanfang.
Der alttestamentliche Text für den Sonntag Kantate ist so ein Lied, dessen Lob auf schlimmen Erfahrungen basiert. Er ist überschrieben: "Das Danklied der Erlösten". Also müssen sie vorher unerlöst gewesen sein. Der Hintergrund des Liedes ist das Exil der Israeliten in Babylon. Ob es schon vorbei ist oder ob die Hoffnung auf sein Ende dem Lied den freudigen Klang gibt, wissen wir nicht. Das spielt allerdings auch nicht die entscheidende Rolle. Solche Lebenslieder werden in jeder Situation gesungen und es hat alles in ihnen Platz: das Gute und das Schlimme; die Klage und die Erinnerung an früher erfahrene Hilfe; vor allem aber die Hoffnung auf wieder erstehendes neues Leben.  

Beim Propheten Jesaja im 12. Kapitel steht:  
Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.
Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.
Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.
Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!
Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!

Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!"
 

So schön der größte Teil des Liedes ist und so sehr er das Ziel der Kirchenmusik in Worte fasst: „Allein zur Ehre Gottes“, so sind Sie vielleicht doch über den ersten Satz gestolpert und daran hängen geblieben. Kann man Gott danken für seinen Zorn? Passt er zu seiner Liebe? Oder die Traurigkeit? Oder die Klage?
Ich nehme an, in Ihrer 60-jährigen Geschichte hat es nicht nur Tage der Dankbarkeit und Freude gegeben, wie es der heutige ist. Genau wie im Leben eines Einzelnen gibt es auch im Leben von Gruppen, Gemeinden, ja der ganzen Kirche Höhen und Tiefen. Der Anfang war vermutlich besonders schwer. In den Nachkriegsjahren gab es noch nicht viel Geld. 1948 waren die ersten Bläser darauf angewiesen, dass einige Fischbacher Familien ihnen Instrumente zur Verfügung stellten. Der Chorleiter Hans Heidig schrieb die Noten selbst. Und er musste vom Nullpunkt beginnen, um den jungen Bläsern eine Ahnung von der Musik in Verstand, Herz und Sinne zu senken. Vielleicht wurde in jüngeren Jahren auch die Öffnung zu neuen Musikstilen nicht von jedermann begrüßt, obwohl sie sich dann als große Bereicherung erwies. Wahrscheinlich gab es in den vielen Jahren die einen oder anderen Konflikte. Sicher gab es immer die Sorge um den Nachwuchs, obwohl davon heute nichts zu sehen ist.
Wo es Lebenslieder sind, die da gesungen und gespielt werden, nicht nur abstrakte Töne, da muss für alle Erfahrungen und Emotionen Platz sein. Wenn Gottes Ehre sich im Leben von uns Menschen verwirklicht, dann gehören auch die verschiedensten Leidenschaften dazu. Neben völliger Hingabe auch Zorn und Ärger und Unfrieden. Es wäre eine ziemlich schale Liebe und ein langweiliges Leben, in dem alles Negative ausgeklammert wäre. Wer zornig wird, zeigt, dass er hoch beteiligt ist. Er macht sich angreifbar und schwach. Zorn ist eine Funktion der Liebe. Sich heraus halten, nicht reagieren, das stellt die Liebe schon eher in Frage. Zorn war oft die Ursache dafür, dass Christen sich eingemischt haben in die Probleme ihrer Zeit. Es hat der Kirche viel mehr geschadet, wenn sie unbeteiligt und tatenlos zugesehen hat, wie Menschen übel mitgespielt wurde, etwa im Dritten Reich. Wenn die Bibel also vom Zorn Gottes spricht, ist das nichts Negatives. Zorn ist der erste Schritt zur Veränderung einer schlechten Situation.
In die Lieder, die das Leben schreibt, ist noch Schlimmeres als Zorn hineingeschrieben, nämlich Verluste, Trauer und Schmerz. Es sind ehrliche Lieder. Sie beschönigen nichts. Aber sie halten daran fest: Gott ist Liebe trotz einer schmerzhaften Krankheit, trotz eines unsagbar großen Verlustes, trotz Gewalt und dem Tod zum Trotz. Mit ihm kommt man hindurch. Ohne ihn bleibt man allein und in seinen Ängsten gefangen. Vielen Menschen hilft, auch wenn sie traurig sind, die Musik. Sie bringt sie zum Weinen und das löst den Schmerz. Wo Menschen traurig sein können, ist das Leben noch nicht abgestorben. Und wenn dann noch jemand da ist, der sie tröstend in den Arm nimmt, dann ist fast schon wieder alles gut. "Gott ist Liebe": In allem Schmerz, den das Leben mit sich bringt, nimmt er uns in den Arm.
Wer dies nur ein einziges Mal erlebt hat, dessen Leben wird es verändern. Wer es Woche für Woche beim Proben oder immer wieder einmal bei gelungenen Auftritten erlebt, in dessen Inneres gräbt es sich ein. Der/ die wird damit leben und sterben können.
Lieder singen unsere Gefühle hinein in das Leben, hinaus in die Welt: die Freude, den Widerstand, den Zorn, den Schmerz, die Zerbrechlichkeit. Und sie gehen noch einen Schritt darüber hinaus. Sie verändern das Leben und die Welt. Indem ich Jubellieder singe, steigere ich meine schon vorhandene Freude. Ein trauriges Lied lässt meinen Schmerz in Tränen überfließen. Ein zorniges Lied steigert meine Kraft zum Widerstand gegen das, was ich schlecht finde. Und ein Lied, das von zukünftigem Glück singt, lässt mich schon jetzt wie im Himmel fühlen. Dass Gott am Ende meines Weges auf mich wartet, diese Gewissheit kann nicht besser ausgedrückt werden als durch ein Lied. Deshalb ist die Bibel voll davon. Eins der schönsten haben wir gehört.
Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und mein Heil. Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!"
Amen.

Ursula Seitz, Kirchenberg 13, 90482 Nürnberg.