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Andacht im Kirchenboten (Ausgabe Juni/Juli 2008)

Liebe Gemeinde,
täglich erreichen uns in den Medien Nachrichten über Familientragödien. Menschen, die sich sehr nahe stehen, geraten in Streit, der tödlich endet. Die Medien geben vor, sachlich darüber zu berichten,  befriedigen aber in Wahrheit die Sensationslust. Es wird in der Vergangenheit der Familien gewühlt und schmutzige Wäsche gewaschen. Es wird nach Ursachen für die Bluttat gesucht und schnell kommt es zu einer Verurteilung nach dem Motto „Das hat ja so kommen müssen....“
Ich möchte nicht in dieselbe Kerbe schlagen und über betroffene Familien schreiben, sondern über uns.
Fragen kommen mir angesichts solcher Katastrophen, die mit uns als Menschen, als Christen zu tun haben. Und auf die wenigsten Fragen habe ich eine Antwort.
Welche Abgründe stecken in einem Menschen, in jedem von uns! Was ist, wenn diese Abgründe in uns aufbrechen? Wie gehen wir mit Schuld bei uns um? Wie schaut Vergebung aus –für uns, für andere? Wo dürfen wir sie erleben, wo geben wir sie anderen?
Wie gehen wir damit um, wenn sich bei anderen solche Abgründe auftun? Sind wir schnell mit einem Urteil, mit einer Verurteilung?
Wie leicht zeigen wir sensationslüstern auf das Fehlverhalten von anderen und  denken: „Mir kann so etwas nicht passieren“? Sind wir da nicht auch immer in der Gefahr, andere mit Schmutz zu bewerfen?
Und schließlich: was sagt uns unser Glaube zu all diesen Fragen?

Ich denke, man kann man nur um Antworten ringen, gemeinsam nach Antworten suchen. Ein gläubiger Mensch ist nicht vor allem Schlimmen und Schweren, auch nicht vor Schuld gefeit und auf manche Fragen findet auch er keine Antworten - ein Leben lang nicht.

In der Bibel begegnen wir Menschen, ganz „normalen“ Menschen. Das sind keine Heilige, da menschelt es. Nichts menschliches ist ihnen fremd. Ich denke an Jakob und Esau, an Josef und seine Brüder und an König David.
Diese Menschen sind keine Engel. Ihrer nimmt sich Gott an. Ja, wir seine Menschen sind ihm so wichtig, dass er Mensch wird wie wir. Und er kommt nicht nur zu denen, die recht sind, nicht nur zu denen, die alles richtig machen, sondern vor allem zu den Anderen. „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken...!“
Er kommt zu der Ehebrecherin, die hingerichtet werden soll, und stellt die Schuldlosigkeit der sogenannten Gerechten in Frage: 
„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Jesus lehrt uns das Vater unser: „...und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Mir fallen Psalmen ein, in denen vor Gott darüber nachgedacht wird, wie wir Menschen sind. Das ist eine sehr realistische Sicht.
Die Psalmen zeigen uns einen Weg, wie wir mit Schuld, mit Abgründen, mit Fragen umgehen können, auf die wir keine Antworten wissen:
Wir können das alles im Gebet vor Gott bringen, zu ihm klagen. Gott hört uns. Und wenn sich einer meine Klage, das, was mich bedrückt, anhört, dann bin ich damit schon nicht mehr allein, dann trage ich nicht mehr allein daran.
Die Psalmen zeigen uns auch:
Ich kann für mich, ich kann für andere beten. Oft ist das das einzige, was ich noch tun kann. Und wenn ich keine eigenen Worte finde, dann kann ich mir die Worte anderer leihen. „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigen Wege.“, heißt es im Psalm 139, der oft in Beichtgottesdiensten gebetet wird.
Beichte und Buße gehören eng zusammen und wenn ich an Buße denke, fällt mir ein, was Martin Luther dazu gesagt hat:
Buße ist ein Zurückkriechen in die Taufe.
In der Taufe hat uns Gott als seine Söhne und Töchter angenommen.
Der Vater verstößt den Verlorenen Sohn nicht, obwohl er schuldig geworden ist, sondern er nimmt ihn mit offenen Armen auf.Im Psalm 139 heißt es auch:

„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

Von Gott gehalten werden – immer, das ist nicht die Antwort auf alle Fragen, aber es hilft mir, die Fragen, auf die ich keine Antwort finde, auszuhalten.

Gott befohlen!

Ihre Pfarrerin Andrea Möller