^Zum Seitenanfang

KV-Wahl 2018

KVWahl2018

Predigt zum Christfest 26.12.2009

Liebe Gemeinde,

an Weihnachten werden - wie an keinem Fest sonst - unsere Sinnen – Augen, Ohren, Nasen - angesprochen:

Es gibt etwas zu sehen an Weihnachten.
Lichter, Kerzen gehören dazu. Wir schmücken unsere Zimmer, manche sogar ganze Häuser und wohl fast jeder hier hat einen Christbaum daheim oder ein paar Zweige.
Wir stehen staunend vor Krippen, schauen es uns immer wieder gerne an: das Jesuskind, Maria und Joseph, die Hirten, die Engel.
Hätten wir nichts zu schauen, wäre das Weihnachtsfest um einiges ärmer.

An Weihnachten gibt es auch etwas zu hören.
Denken Sie an die schönen Weihnachtslieder, ohne die wir uns das Fest gar nicht vorstellen können: Welches wohl ihr Favorit ist?
Die Lieder in den Kaufhäusern, die ab Mitte/Ende November zu hören ist, nehmen diesen Umstand auf, bestimmt nicht um uns auf die Geburt von Jesus Christus vorzubereiten, sondern um dadurch die Kauffreude der Kunden anzuregen.

Und nun soll der Vollständigkeit halber auch noch erwähnt werden:
an Weihnachten gibt es etwas zu riechen. Unverwechselbare Gerüche sind das - denken Sie an die Plätzchen -, wenn wir die im Sommer riechen würden, wären wir ganz irritiert und würden sagen: Hier riecht es doch nach Weihnachten. 

Es gibt etwas zu sehen, etwas zu hören, etwas zu riechen an Weihnachten. Feste Bräuche sind das bei uns, die uns zu dem hinführen wollen, was in Bethlehem geschehen ist. Die Bräuche erinnern uns daran, warum wir eigentlich Weihnachten feiern.

Zeitweise habe ich den Eindruck, dass weniger  Jesu Geburt, sondern eher die Bräuche im Vordergrund stehen. Wenn wir nur wegen der Bräuche Weihnachten feiern, dann stimmt etwas nicht.

Auch in unserem Predigttext wird uns gesagt, dass es am Christfest etwas zu sehen und zu hören gibt, allerdings geht es hier nicht um unsere vertrauten Bräuche.

Es ist ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief; es ist eigentlich ein Lied, ein Hymnus – im Griechischen sieht man das gut – und vermutlich hat der, der diese Zeilen verfasst hat, aus genau demselben Grund gesungen, warum wir heute morgen auch singen:
Er will weitersagen, weiter erzählen und er will Gott loben.
Er besingt Weihnachten, erzählt von Weihnachten:

Hebräer 1
Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe.

Nanu, werden Sie denken, das klingt aber ganz anders als die bekannte Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium. Sie haben sich vielleicht schon gefragt, wo hier in dem Abschnitt denn das Kind in der Krippe und die weihnachtliche Stimmung sein soll.

Ja, dieser Abschnitt hat auf den ersten Blick so gar keinen weihnachtlichen Charme. Beim  Weihnachtsevangelium, da geht uns das Herz auf. Wir stehen praktisch mit den Hirten an der Krippe. Es rührt uns, dass Gott als Kind zu uns Menschen kommt.

Im Lukasevangelium schauen wir, was auf Erden geschehen ist.

In unserem Predigttext kommt es mir so vor, wie wenn wir einen Blick in den Himmel, hineintun und ein wenig in Gottes Herz hineinschauen dürfen.

An Weihnachten gibt es etwas zu sehen:
den Sohn Gottes.
Das wird auch in Heb gesagt. Der Verfasser unseres Briefes interessiert sich aber nicht für die Umstände der Geburt Jesu, er schaut nicht auf die Krippe, nein, sondern ganz und gar auf die Bedeutung Jesu.
Wer ist dieser Jesus? In welcher Beziehung steht er zu Gott? Und was hat er mit uns zu tun?, darüber denkt er nach.
Wer ist dieser Jesus? - Das Ebenbild Gottes, wird uns gesagt. In Jesus sehen wir das Ebenbild von Gottes Wesens. Und das heißt ja nicht mehr und nicht weniger, als dass Gott uns in Jesus sein wahres Gesicht zeigt.
Das griechische Wort, das hier gebraucht wird, ist Χαρακηρ (Charakter). Χαρακηρ (Charakter) heißt übersetzt Stempelabdruck. Wenn wir einen Stempel machen, dann erkennen wir immer auch die Vorlage, das Original. Jesus ist wie ein Stempelabdruck Gottes.  An ihm erkennen wir den Charakter Gottes, erkennen wir, wie und wer Gott ist. Wenn wir Jesus anschauen, sehen wir Gott.

“Ganz der Vater“ , das sagen wir gelegentlich. Der, den wir meinen, ist seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten, ist ihm in seiner Art, im Verhalten, in den Gesten, vielleicht sogar in manchen Redewendungen sehr, sehr ähnlich.

Jesus ist ganz der Vater. In ihm sehen wir Gott, der uns oft so fern und unnahbar, manchmal vielleicht auch verborgen vorkommt. In Jesus kommt Gott uns ganz nahe.

Wenn wir Jesus anschauen, sehen wir das Ebenbild Gottes und wir sehen noch ein Zweites: den Abglanz seiner Herrlichkeit.

Die Herrlichkeit Gottes: wie würden Sie die beschreiben?

Ich würde es so versuchen:
wo Gottes Herrlichkeit ist, da ist es licht und hell, da strahlt es.
Um von Gottes Herrlichkeit zu verkünden, können es gar nicht genug Kerzen sein, die wir am Fest anzünden und die es in der dunklen Jahreszeit hell machen. Sie erinnern uns:
das Licht, Gott in all seiner Herrlichkeit, kommt in Jesus auf dieWelt und ist stärker als jede Dunkelheit.

Wo wir etwas von seiner Herrlichkeit sehen, da geschieht es, dass auch auf uns etwas von dem Glanz fällt. Da glänzt etwas in unserem Leben auf, was wir vorher kaum wahrgenommen haben.

So wie ein Sonnenstrahl eine stumpfe Glasscherbe plötzlich zum Glitzern bringt, so bringt der Abglanz der Herrlichkeit Gottes, der Glanz des Weihnachtsfestes, auch in uns etwas zum Leuchten, was vorher unsichtbar oder unscheinbar unter der Decke des Alltags verborgen lag.

Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her, so hat Jochen Klepper gedichtet.

In unserem Leben wird durch die Geburt Jesu nicht alles wie durch Zauberhand plötzlich ganz anders.

Aber eines – und das ist das Entscheidende - wird anders durch das Kind in der Krippe. Gott zeigt uns, dass wir ihm unendlich wichtig sind.  Auch im Dunkel lässt uns Gott nicht allein. Jesus Christus trägt und hält uns.
Und wo er im Dunkel mit dabei ist, da ist es nicht mehr ganz und gar dunkel. Da ist schon ein Lichtschimmer. Nicht Dunkelheit umfängt uns, sondern Gott mit seinem Licht.

Schauen wir auf Jesus. Es gibt viel zu sehen.

An Weihnachten gibt es nicht nur etwas zu sehen, sondern auch etwas zu hören. Das sagt uns auch unser Predigtabschnitt:

Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.

Es ist ganz wichtig, dass mit uns und zu uns geredet wird. Überlegen Sie sich einmal, mit wem Sie heute morgen schon geredet haben. Hoffentlich waren es Worte, die Ihnen gut getan haben. Vielleicht hat Ihnen jemand „Frohe Weihnachten“ gewünscht, vielleicht hat Ihnen heute morgen schon jemand gesagt, dass es schön ist, dass es Sie gibt. Oder Ihnen wurde durch ein Geschenk gesagt, wie wichtig Sie für jemanden sind.

Dass mit uns geredet wird, ist aber nicht nur heute morgen, sondern für unser ganzes Leben existentiell wichtig. Wenn niemand mit uns gesprochen hätte, hätten wir das Säuglingsalter nicht überlebt. Und zu uns wird hoffentlich  noch gesprochen, wenn wir schon kaum mehr reagieren können. Denn auch jenseits unseres sogenannten Bewusstsein werden wir hören.
Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn sich Menschen aus Hass oder aus Gleichgültigkeit anschweigen, wenn sie in der Familie stumm aneinander vorbeileben.

Gott ist nicht stumm geblieben. Er hat zu uns gesprochen. Seit es Menschen gibt, hat Gott mit ihnen geredet. Und der einzige Grund dafür ist, dass wir Menschen ihm wichtig sind, ja mehr noch:
Gott redet mit uns, weil er uns liebt.
Die ganze Bibel zeigt uns, wie Gott in vielen Stimmen geredet hat:
mit Abraham und Mose hat er geredet. Durch die Propheten hat er zu Israel gesprochen, gütig und barmherzig, manchmal auch zornig und zurechtweisend.

Immer wieder hat er gesprochen und ist nicht in zorniges, trauriges, resigniertes Schweigen verfallen, auch wenn wir Menschen ihn so oft nicht hören, nicht darauf antworten, wenn er mit uns spricht.
Und nun redet er zu uns  -  durch Christus. Und der Grund für sein Reden ist immer derselbe geblieben:
weil er uns liebt.

Gott hat zu uns geredet, Gott redet mit uns. Er lässt nicht locker, macht immer wieder einen neuen Anlauf.

Mir fallen Eltern ein, die mit ihrem Kind reden. Sie kennen das sicher:
man hat das Gefühl, man redet sich den Mund fusselig und fragt sich gelegentlich:
was kommt denn eigentlich an? Was hört das Kind?

In welcher Sprache muss ich denn noch mit dir reden, dass du verstehst?,fragt eine genervte Mutter ihren halbwüchsigen Sohn, der taub und dem alles egal zu sein scheint.

Welche Sprache verstehen wir? Was erreicht unser Ohr, unseren Verstand, unser Herz? Was kommt an?

Diese Frage geht nicht nur an Heranwachsende, die können wir uns alle stellen. Diese Frage hat sich auch für Gott gestellt:
Wie bringe ich die Menschen dazu, mir zuzuhören, auf mich zu hören? Welche Sprache verstehen sie denn? Wie erreiche ich sie mit dem, was ich ihnen sagen will?

Und Gott redet zu uns durch seinen Sohn, der nichts anderes ist als ein großer, einziger Liebesbeweis. Gott redet zu uns. Und was sagt er uns?

Da könnte ich nun viele, viele Geschichten von Jesus aus der Bibel erzählen.
Was sagt uns Gott in Jesus?
Für mich wunderschön hat das Karl Rahner in einem Gedicht zusammengefasst. Das weist schon weit über Weihnachten hinaus, zeigt schon hin zum Karfreitag, hin zu Ostern. Das alles gehört zur Rede Gottes an uns dazu:

Gott hat sein  letztes, tiefstes, schönstes Wort
im fleischgewordenen Wort
in unsere Welt hineingesagt.
Und diese Wort heißt:
Ich liebe dich, du Welt, du Mensch.

Ich bin da.
Ich bin bei dir.
Ich bin dein Leben.
Ich bin deine Zeit.

Ich weine deine Tränen.
Ich bin deine Freude.
Fürchte dich nicht.
Wo du nicht mehr weiter weißt,  bin ich bei dir.

Ich bin in deiner Angst,
denn ich habe sie mitgelitten.
Ich bin in deiner Not und in deinem Tod,
denn heute begann ich, mit dir zu leben und zu sterben.Ich bin in deinem Leben.
Ich verspreche dir:
Dein Ziel heißt Leben. Auch für dich geht das Tor auf.

Gebe Gott, dass wir auf Gott und sein Wort hören, heute an Weihnachten und alle Tage.

Amen